Yildirim Denizli
DIE VÖGEL
Rauminstallation
26.4. bis 31.5.2009
Mit den Menschen ist es wie mit den Vögeln. Ein Jeder fliegt mit seiner Art.
Die Methapher des Vogels hat eine lange Geschichte in der orientalischen und türkischen Kultur. Beschreibt das obige Zitat einerseits
generell die Tendenz des Menschen, sich mit Gleichgesinnten,
Seelenverwandten, zu umgeben, so birgt es andererseits auch die Gefahr
der Abschottung Andersdenkenden gegenüber. "Hast du je einen Adler
zusammen mit einer Krähe fliegen sehen?", lässt Ömer Seyfettin den
Protagonisten seiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschriebenen
Erzählung Primo fragen. "Nein, hast du nicht, denn jeder Vogel bleibt
bei seinesgleichen."
Nun steht Ömer Seyfettin für
eine türkische Nationalliteratur, und für die Vorstellung, dass Türken
idealer Weise mit Türken zusammenleben. Daher endet seine Geschichte
auch damit, dass das griechische Hauspersonal durch türkisches ersetzt
wurde. Dieser Interpretation sehen wir uns letztendlich auch hier
gegenübergestellt, wenn wir an die Integration vieler hier lebender
Türken denken. Fliegt nicht auch hier ein Jeder – trotz vieler
Integrationsbemühungen - mit seiner Art?
Lange vor Ömer Seyfettin jedoch,
nämlich bereits im 13. Jahrhundert, lebte ein Poet und Mystiker in
Anatolien, der den Namen Dschalal ad-Din Rumi trug. "Was kann ich tun?,
Muslime. Ich weiß nicht, was ich bin!", sagte er. "Ich bin weder ein
Christ, noch ein Jude oder Muslim, und an Zarathustra glaube ich auch
nicht ..."
Rumi interessierte sich -wie
auch vor ihm Attar in seinem mystischen Epos „Die Konferenz der Vögel“-
für die Vogel-Metapher. Er interpretierte das oben zitierte „geflügelte
Wort“ nicht im eingrenzenden nationalen, sondern vielmehr in einem
ganzheitlichen, kosmopolitischen Sinne. Mehr als den Vögeln, die immer
in einem Schwarm flogen, fühlte er sich denen verbunden, die sich
keiner Gruppe zugehörig fühlten. Er mochte Vögel mit Handicap.
In einer der vielen Geschichten
in seinem langen Gedicht "Mathnawi" sieht ein Weiser eine Krähe und
einen Storch, die zusammen fliegen und nach Nahrung suchen. Überrascht
betrachtet er sie genauer und erkennt, dass sie beide lahm sind,
deshalb nicht mit ihren Schwärmen fliegen konnten und sich so
gegenseitig halfen — Solidarität zweier Ausgestoßener? Wobei auch hier
sich das ‚durch das Handicap Verwandte’ zueinander gesellt. Diese
Verwandtschaft ist stärker als die Gruppenzugehörigkeit und Herkunft.
Sie steht über der Nationalität und Ethnie, über jeglichem
Schubladendenken.
Yildirim Denizlis Rauminstallation Die Vögel, die anlässlich der 32. Duisburger Akzente
zum Thema Bosporus – das Tor zum Orient in der cubus kunsthalle zu
sehen ist, greift die Vogel Metapher bewusst auf und erweist nicht
zuletzt dem Mystiker Rumi damit in bezeichnender Weise Referenz.
Wie Rumi, der mittels der Musik
und dem Tanz als Begründer des Ordens der tanzenden Derwische das Heil
der Menschen in der Einheit mit Gott suchte, sieht Denizli seine Kunst
als „Heilmittel für das Leben" an. Das Geschichtenerzählen und das
Lernen aus Parabeln hat insbesondere im Orient eine lange Tradition und
wurde in Sufi-Orden gerne als Mittel zum Erwerb von Erkenntnis gesehen.
Denizli setzt diese Tradition mit seiner Kunst fort. Denizlis Figuren
erzählen Geschichten. Geschichten wie die eines Mulla Nasrudin. So
verkörpern seine Vögel den Menschen und seine Eigenschaften auf
ironische und humorige Art und Weise. Es ist, als ob dem Betrachter ein
Spiegel vorgehalten wird, ohne ihn dabei zu kritisieren. In der
Übertreibung und Überspitzung jedoch mag der Betrachter sein eigenes
Verhalten und seine Werte überdenken. Dr. Stephan von Wiese schreibt über Denizli: „Er sieht die Menschen, die Nachbarn, die Fremden. Die Verweilenden und die Vorüberhastenden.
Die Modisch-Schicken wie die Linkisch-Ungeschickten. Männer und Frauen,
Jung und Alt. Alle diese Alltagsmenschen werden im Werk typisiert,
verändert, zugespitzt.
eingefärbt, in die Länge gezogen, in Pose gesetzt, animiert. Ganze
Geschichten scheinen sich abzuspielen. Gerade im Detail blüht die
Einfallskraft mit unerschöpflichen Ideen. Denizli thematisiert das Fremde, das Märchenhafte, das Andersartige auf eine nicht schockierende, sondern auf
einfühlsame Weise. Darin besteht auch sein besonderer Beitrag zum
Verständnis der Menschen über alle nationalen und regionalen Grenzen
hinweg. Als Betrachter stehen wir vor einer faszinierenden magisch
beseelten Welt und freunden uns schnell damit an. Denizlis Volk -
friedlich, freundlich, voller Witz und Einfälle. Hier wird jede
räumliche und nationale Enge überwunden. Wir alle sind gemeint. Jeder
könnte zum Weltbürger dieses märchenhaften Völkchens werden, denn Kunst
sprengt die Barrieren.“
(Auszug aus: Dr. Stephan von Wiese, Kunstmuseum Düsseldorf, zur
Ausstellung von Yildirim Denizli in der Orangerie im Grugapark Essen)
Denizlis Geschichten, seine Skulpturen sind - wie er selbst - sowohl im
Orient wie im Okzident beheimatet, sie stehen über jeglicher
Nationalität, orientieren sich an dem, was das Menschsein ausmacht. Auf
dieser Ebene, dem größten gemeinsamen Nenner, sind wir alle Teil eines
Ganzen, sind wir alle von der gleichen Art und dazu befähigt, gemeinsam
zu fliegen. In dieser Anschauung von Einheit liegt letztendlich die
Heilung einer Gesellschaft, in der noch viel zu viele Vögel
ausschließlich mit ihrer Art fliegen.
Dr. Claudia Schaefer
Yildirim Denizli wurde 1946 in
Erzurum in Ostanatolien geboren und lebt seit 1973 in Deutschland. Sein
Kunstschaffen ist wie er selbst sowohl im Orient als auch im Okzident
zu Hause. Denizlis heutiger Lebens- und Arbeitsbereich ist sein Atelier
in Ratingen bei Düsseldorf
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