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Eröffnungsrede
20
von 60
wilfried
schaus-sahm
malerei
– grafik - fotografie – collage
11.
bis 26. juli 2009
Meine
sehr geehrten Damen und Herren,
Wilfried
Schaus-Sahm gehört nicht zu jenen Menschen, die in einem
geschlossenen Eisenbahnwagon sitzen und erst merken, dass dieser sich
überhaupt bewegt, wenn er anhält oder losfährt. Er bewegt sich
lieber selber mit allen Reibungen, die ein Lebensstrom von nunmehr 60
Jahren so bereithält, um das Chaos im eigenen Innern wie im Außen
produktiv zu machen.
„Wieder
und wieder musste ich einen Anlauf nehmen, aber irgendwann erschloss
sich mir dieses „Hurengebräu". Von dem Moment an stand das
Tor zu einer neuen Welt für mich offen und ich konnte mit Feuereifer
nicht nur durch die Jazzgeschichte streifen, sondern fand Gefallen an
afrikanischen Polyrhythmen oder Neutönern wie John Cage, Luc
Ferrari, Luciano Berio.“ so Schaus-Sahm in der WAZ vom 10. März
2007, retrospektiv zu „Bitches Brew“ von Miles Davis. Ein
Schulfreund hatte ihm 1970 mit einer LP von Davis über den Split der
Beatles hinwegtrösten wollen. „Bitches Brew“, ein Chaos von
zuweilen drei gleichzeitig spielenden Klavieren und drei
Schlagzeugern, die in gegenläufigen Rhythmen spielten, verstand sich
als Fusion von Rock- und Jazzelementen.
Ein
ähnliches Tor zu einer neuen Welt muss Schaus-Sahm wohl ein zweites
Mal aufgestoßen haben als er sich vor 20 Jahren an die Staffelei
setzte und seither mit eben demselben Feuereifer sein Glück und
seine Verzweiflung ohne ablenkende Motive in seinen Gemälden und
Collagen, Grafiken und Fotografien zum Ausdruck bringt. Und auch ist
es kein Zufall, dass seine Bilder voller Bewegung sind, dynamische
Rhythmen setzt er gegen die Leere und wird so selbst zum Navigator
seiner abstrakten Kompositionen, zum Dirigenten, der statt des
Taktstocks den Pinsel in der Hand hält. Es ist eine
leidenschaftliche und temperamentvolle Malerei, die sich allein aus
der Bewegung und Gestik speist, die sein Körper in einem konkreten
malerischen Prozess des Zusammenfügens und Auseinanderfallenlassens,
des Werdens und Vergehens bestimmt.
Als
ich Schaus-Sahm vor einigen Monaten zum ersten Mal in seinem
Dinslakener Atelier besuchte, war das für mich eine Entdeckung. In
der räumlichen Enge des ausgebauten Dachbodens seines Hauses standen
zig Gemälde geschichtet an Regalen. Regale, in denen sich unendliche
Reihungen von Büchern und CDs zu Strukturen formierten. Fotografien
und Zeichnungen, Zeitungsausrisse, Schnipsel aus Zeitschriften,
Schallplattencover, aufgeschlagene Bücher, auf einem gezimmerten
Tischchen geordnet aufgestellte Einmachgläser mit einer enormen
Menge von Pinseln, fein säuberlich sortiert. „Enge benötigt
Organisation und Struktur, ein Ordnungssystem“, so sein Kommentar.
Bisher
kannte ich den Namen Schaus-Sahm immer nur in Verbindung mit dem
„Taumzeit“-Festival. Der
Germanist, Philosoph und Kunsthistoriker, der in Aachen und Freiburg
studierte, hat seit 1997 als Begründer und künstlerischer Leiter
des Musikfestivals Duisburg als Sommer-Festivalstadt der Musik und
Kunst international bekannt gemacht. 2008 legte er sein Amt nieder,
konsequent und kompromisslos, weil ihm die politischen Einflüsse zu
Lasten der Qualität des künstlerischen Konzepts zu bestimmend
wurden. Nach seiner Amtsniederlegung gab sich die Politik denn auch
„Beredt sprachlos“, um hier den Titel des Gedichtbands, den der
Künstler herausgab, zu zitieren.
Was
ich bis zu dem Atelierbesuch nicht wusste:„Traumzeit“ war nur
eine Facette seines Lebens. In Anbetracht des erstaunlichen
Querschnitts aus 20 Jahren seines bildnerischen Schaffens mit über
65 Arbeiten, abgesehen von den Tableaus, die sich jeweils mit bis zu
30 in CD-Hüllen montierten Zeichnungen, Fotokopien, Collagen,
Ausschnitten von Gemälden, Fotografien u. a. in der Größe von
jeweils 14 x 12 cm in Reihungen geradezu multiplizieren, 1000 mögen
es wohl locker sein, nähern wir uns ihm als Künstlerpersönlichkeit,
der seine Kunst in der Tat mit „Feuereifer“ betreibt.
Und
wir sehen nicht nur in der Fülle der Formen und
Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch in der Qualität seiner Arbeit,
dass da jemand ist, der mit verve seinen eigenen künstlerischen Weg
geht, unangetastet vom Schubladendenken kunsthistorischer
Kategorisierungen. Er ist ein Conesseur der Kunstgeschichte, der auch
aus dem reichen Material dieser Wissenschaft schöpft, aber mehr in
Hinblick auf ein die „Kunst leben“, als ein „Kunst verkopfen“.
Einen Verbündeten fand er in dem Duisburger Maler Prof. Manfred
Vogel, der im letzten Jahr unerwartet verstarb, den er nicht nur als
künstlerischen Mentor schätzte, sondern auch als Freund.
Was
ist nun das Besondere an diesem Ausschnitt aus 20 Jahren des
künstlerischen Schaffens, bis auf die Tatsache, dass es kaum einer
wusste, was der Schaus-Sahm da so alles auf die Staffelei stellt?
Eine Antwort könnte sein, dass die Arbeiten auf empathische, teils
kritisch-humorvolle Art romantische Motive wie Melancholie und
Sehnsucht und Methoden wie das Fragmentarische, das Ephemere und das
Prozesshafte ins Spiel bringen. So durchkreuzen sie den allgemein
bekannten Gegensatz von romantischer Innerlichkeit und konzeptueller
Rationalität, sozusagen eine Fusion scheinbar gegenläufiger
Rhythmen in einer Gesamtkomposition.
Eine
andere Antwort könnte sein: Er schöpft aus dem Wissen des
philosophischen Seins und fügt dieses in seinen künstlerischen
Kosmos als natürliche und spirituelle Ordnung ein. Er befragt die
Bildlichkeit und Abbildlichkeit des Sehens und des Gesehenen in einer
Art Feldforschungsstudie zur Wahrnehmungsphysiologie und -psychologie
und das in einer Welt, die sich von Bildern aus den Medien
überschwemmt sieht.
Da
sagen Sie, meine Damen und Herren, dass machen doch viele Künstler.
Schaus-Sahm macht es aber anders: Er zeigt uns in seinen Gemälden,
Collagen und Fotografien nämlich solche Teile der Wahrheit, die am
nächsten die Wirkung des Ganzen hervorbringen. In der Tat eine
Kunst, die uns wie durch Zauber mitten in eine Welt von Zeichen
versetzt, eine Ansicht der Dinge, der Hoffnungen und Befürchtungen
in dem rechteckigen Ausschnitt eines Bilderrahmens, die uns ad occuli
wie in ein gegenwärtig Geschehendes hinein führt. Er ist jedoch
kein Grübler, der über dem inneren Zusammenhang von Ereignissen
brütete, welche letztlich die Geschichte bilden und trachtet auch
nicht danach, diese zu einem Wissen verknüpfen zu wollen, sondern
alles ist vielmehr da, in seiner künstlerischen Vergegenwärtigung
von urwüchsiger malerischer Kraft.
Die
titellosen Arbeiten, die in den frühen Jahren noch in lebensvoller
Farbigkeit figurativ daherkamen, werden zunehmend von collagierten,
spielerisch experimentellen Abstraktionen abgelöst. Der Künstler
scheut nicht die Konsequenzen seines Vorgehens. Seine Gemälde sind
vielschichtig: Linienverknüpfungen, Schraffuren, Ablösungen. Das
malerische Element überwiegt und fügt sich zu bewegten abstrakten
Seelen-Landschaften zusammen, in denen der Betrachter Zeichen,
Fragmente von eincollagierten Alltagsmaterialien, offene und
geschlossene Formen und Flächen erkennt. Es gibt Linien in diesen
„Landschaften“, welche in solchen Beziehungen zueinander stehen,
dass sie entweder in ein Gemälde gebracht oder aber bewusst
ausgelassen werden.
Es
leuchtet ein, wie gefährlich diese Methode für einen Künstler sein
kann, denn eine solche Auslassung könnte auch subjektive
Beliebigkeit bedeuten, lebendigste Individualisierung, die nicht nach
dem Dialog sucht, sondern nach hermetischer Introversion. Doch das
ist nicht das Interesse von Wilfried Schaus-Sahm. Vielmehr steht sein
künstlerisches Finden in seiner Formensprache aus bewusster
Reduktion für diesen Dialog als der natürlichsten Art und Weise,
seine Bildinhalte dem Betrachter mitzuteilen.
In
seinen frühen Arbeiten bedient er sich immer wieder der
Collage-Technik, die sich letztlich durch sein gesamtes Werk zieht.
Anfänglich finden sich collagierte Alltagsmaterialien wie Wellpappe,
Tapetenreste, Fragmente von Papiertragetaschen etwa in seinen
Gemälden, mit denen er eine Oberflächenstruktur für sein
Ausdrucksanliegen schafft. Später verselbständigt sich diese
Technik zu einem spielerischen Sampling unabhängig voneinander
entstandener Arbeiten, nicht den Funken der Poesie vergessend, „als
systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten
Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf
einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene“, wie es Max Ernst
1962 formulierte. Mit dem Sampling, einem hier von mir bewusst der
Musiktheorie entliehenem Begriff, sind hier insbesondere die
schmalen, stelenartigen Gemälde angesprochen, die er nach den
Bedingungen des Raums, nach ästhetischen oder inhaltlichen
Gesichtspunkten arrangiert. Allein in dem Zuordnen liegt ein enorm
kreativer Prozess mit unendlichen Variationen von Möglichkeiten, um
das Einzelne dennoch in den Sinn eines Ganzen zu überführen. Die
Elemente von unterschiedlicher farblicher Tonalität und Vehemenz des
Farbauftrags werden der Gesamtkomposition als sozusagen Töne oder
Geräusche beigemischt. Für die Ausstellung haben im übrigen Dr.
Claudia Schäfer und Evangelos Koukouvitakis in Zusammenarbeit mit
dem Künstler wunderbar fusioniert, um ein stimmiges Sampling, das
auch polyphone Rhythmen zulässt, abzuliefern.
Neben
die Zeichnung, die Malerei setzt er die Fotografie, augenscheinlichen
Bildern aus der Wirklichkeit, die bei ihm gedankliche
Assoziationsketten freisetzen als Grunderfahrung des Begreifens. Er
stellt die Frage nach der geistigen Genese, deren Anfang eine
allgemeine Orientierung ist, aus der sich universale Begriffe und
Zeichen ergeben, die als solche, unabhängig von der Sozialisation
des Betrachters, „lesbar“ werden können in einer archetypischen
Bilderschrift. Eine Bild-Schrift, die in einer Schwebelage zwischen
Abstraktion, nichtnaturalistischer Gegenständlichkeit, teils auch
phantastischer ,teils ornamental gebundener Figürlichkeit als ein
Spiel mit den Facetten unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit
aufscheint. Dieses Spiel mit Fragmenten der Wirklichkeitswahrnehmung
setzt Schaus-Sahm fort, indem er kleinformatige Zeichnungen, die ad
hoc und spontan entstehen, Ausschnitte eigener Gemälde, u. ä. in
Tableaus anordnet, die aus CD-Hüllen bestehen - wie bei einem
Drucker, der die Lettern in seinem Setzkasten anordnet, fügt sich
nun wiederum das Einzelne zum Ganzen in einer geordneten Struktur, zu
einer „Weltanschauung“, in einer Art Assoziagramm, auch mindmap
genannt. Die Tableaus dürfen als solche bezeichnet werden, dienen
sie doch der Erschließung und der visuellen Darstellung eines
Themengebiets bzw. einer Ideensammlung, oder erscheinen gar wie
Mitschriften.
Nach
dem Prinzip der Assoziation hilft eine mindmap, Gedanken frei zu
entfalten und die Fähigkeiten des Gehirns zu nutzen. Wie
funktioniert das bei Schaus-Sahm? Zumeist findet sich in der Mitte
der Tableaus das zentrale Thema in Form eines Bildes, entsprechend
etwa der Kapitelüberschrift eines Buches. Daran schließen sich die
Hauptlinien mit organischen dick oder dünn auslaufenden Hauptlinien
an, die jeweils für einen Schlüsselbegriff verwendet werden. Daran
setzt Schaus-Sahm dünner werdende Zweige an und, unter Verwendung
von Buchstaben ähnlichen Zeichen, eine zweite und dritte, sowie
weitere Gedankenebenen, sozusagen Unterkapitel. Bildelemente oder
persönliche Codes ermöglichen es nun Querverbindungen herzustellen.
Die Assoziagramme von Schaus-Sahm sind mit viel Kreativität und
zuweilen humorvoll umgesetzt. Wesentlich ist festzustellen, dass das
Assoziagramm beendet ist, wenn es der Künstler beschließt –
theoretisch könnte es ins uferlose wuchern, wie die Reihungen an den
Wänden andeuten – und theoretisch kann natürlich jedes enthaltene
Bild und Zeichen Mittelpunkt eines neuen Tableaus werden, da die
assoziativen Fähigkeiten unbegrenzt groß sind, also mit Anfang aber
ohne Ende.
Schaus-Sahm
geht konsequent seinen künstlerischen Weg von einer von Farbinseln
in Chiffren informeller Struktur- und Texturgebung gebundenen Malerei
hin zu einer Ausdrucksform, die zwar an die Zeichenhaftigkeit des
Vorherigen anknüpft, durch die Assoziagramme hindurch, nun durch
Auslassungen umso stärker, konfrontierender aufscheint. Beim
Schwarz-weiß-Bild konzentriert sich das Sehen auf das Zeichen, die
Linie, die Form, ohne ablenkende Umwege, und setzt es dem Ansturm
unserer farbigen Bildwelt entgegen. Ungewöhnlich die Rahmung. Die
Leinwände auf Keilrahmen aufgezogen, setzt er in eine Art verglaster
Schaukästen, zu interpretieren als eine Erweiterungsform der Rahmung
kleinformatiger Arbeiten in CD-Hüllen.
Ausgehend
von der Suche des Künstlers nach einer Verschriftlichung von
Wirklichkeit mit den Mitteln der bildenden Kunst erscheint in seinem
Gesamtwerk die Fotografie als notwendiges Pendant zur Malerei. Oder,
um mit Walter Benjamin zu sprechen: „Nicht der Schrift-, sondern
der Fotografie-Unkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“.
(aus: Kleine Geschichte der Photographie). In einem selektiven
Wahrnehmungsverfahren fotografiert Schaus-Sahm Ausschnitte der
Wirklichkeit. Direkt und unmittelbar konfrontiert er uns mit dem
Augenblick, ohne sich dabei der Montage oder der digitalen
Bearbeitung dieser Fotos zu bedienen und führt somit sein
künstlerisches Schaffen auf ein Element zurück: auf das Aufleuchten
der Wirklichkeit im Augenblick des Sehens als Wahrnehmung der
Möglichkeiten unserer Existenz.
Die
Fotografie stellt das Denken eben anders dar, insbesondere den
Diskurs über das Reale, auf eine Probe, und dies umso mehr, als das
Nachdenken über die Wirklichkeit verstärkt mit Hilfe von Bildern
geschieht. Das mentale Bild oder das Imaginäre und die Fotografie
haben eines gemeinsam: die unmittelbare visuelle Wahrnehmung von
Informationen. Im zeitgenössischen Denken besitzt dies eine
herausragende Bedeutung, vor allem in der Psychologie und der
Semiotik. Die Fotografie mit der ihr eigenen „Transparenz“ hat
sich - gegen ihren Willen –zur Schnittstelle des Dilemmas von Bild
und Gedanken entwickelt, da sie den Blick, die sie entziffert, auf
das betrachtende Subjekt und das in ihr dargestellte Objekt
gleichermaßen zurückwirft als Formen des Schauens, oder sollte ich
besser sagen als bildnerische Formen des Schaus, meine Damen und
Herren?
Bei
all‘ dem Gesagten und Gesehenen stecken in diesen Arbeiten
sicherlich auch Partikel der „Traumzeit“, der Alcheringa, wie sie
in der Sprache der Aranda, in Zentralaustralien lebend, genannt wird.
Vielleicht begegnen Sie während ihres Rundganges durch die
Ausstellung gar der Regenbogenschlange, denn sie „ist die
Verschmelzung von zwei wichtigen Prinzipien, die die Einheit von
Geist und Materie darstellen.“
Und
nun müssen ja vielleicht Sie, meine Damen und Herren, wieder und
wieder einen neuen Anlauf nehmen, das Tor zu einer neuen Bilderwelt
aufzustoßen, vielleicht konnte ich ihnen das Tor schon einen Spalt
öffnen und rufe Herrn Schaus-Sahm gerne mit meinem herzlichen
Glückwunsch zu: „Nur weiter so, da schau(s)en wir mal gespannt,
was da noch für Früchte aus dem Sahm werden…
Dr.
Susanne Höper-Kuhn, Kunsthistorikerin, Düsseldorf
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