| Der
Zufall fügt es, dass einige frühe Bilder von Hermann-Josef
Kuhna sich seit Jahren in einer Pariser Sammlung befinden.
Sie markieren eine rare Gelegenheit, dem verzeigten Weg
von sublimierten Ausläufern des späten Informel über
Nachklänge zum Surrealismus bis zu Vorausgriffen auf die
musterselige Pattern Art der 70er Jahre zu folgen. Der
junge Maler ist auf der Suche, doch seine Bilder sind
erstaunlich stark und weit. Sie lassen sich noch in keine Richtung
orientieren – aber sie entwickeln sich mit großer Konsequenz zu
chromatischen Organismen, die das Telos dieser Malerei
darstellen.
Das früheste Bild entstand
1967 und heißt Orange. Die starkfarbige Assoziation ist
eine vitale Übertreibung, denn abgeklärter u. verhaltener
kann ein Bild kaum sein. Ein rötliches Fleckenwerk wird
durch ein schmutzgelbes, bedeckt grünes Gespinst feinster Nuancen
sanft ins Zittern versetzt. Kaum, dass der orange farbige Grund
zu ahnen ist – und doch kommt das Auge bei diesem optischen
Kammerton nicht zur Ruhe. Die Oberfläche kräuselt sich im
Spektrum von Rosa, Orange, Gelb,. Grün. Sie berührt
Informel, Struktur, Monochromie. Das Bild des 23jährigen
stimmt noch aus der Akademiezeit. Ein Kolorist des Leisen,
Stillen auf dem Weg?
Aber Kuhna
fährt nicht fort, die Leinwand sanft zu streicheln. Ein
Jahr später wogt das Bild „witchcraft“ – Hexerei – als lebhaft
beschwingtes Ornament. Es aktiviert kurvige Energien von Yin und
Yang, von Mondsicheln und Tropfenflut. Alle Einzelformen sind
klar umrissen. Die gleitenden Wirbel führen das Auge in
Wellenrhythmen mit. Ein unaufhörlicher Tanz fließender
Rundungen, der beruhigt, weil kein einziges Partikel aus
dem Reigen tanzt. Weil alles, wie verbunden und
verflochten, weiter schwingt, obgleich kein Teil an seinen
Nachbarn stößt.
Dann gerät der junge
Maler in einen anderen Bann. Der neue Zustrom führt in das
Paris der Surrealisten und gleichzeitig weiter im Werk.
Die Décalcomanien von Max Ernst und eine Symbolwelt des
Halbbewussten, Unbewussten dringen durch. „Kirmes Entzug alpha“,
exakt zehn Jahre später, hebt im Zentrum eine stahlblaue Palette
hervor, von der bunte Luftschlangen ausstrahlen. Symbol für
eine Malerei, die bedrohlich auf den Leib rücken kann? Zehn
Messer stoßen rundum in rote Flecken, Blut färbt, wo sie
eingebohrt worden sind. Die Malerei, ein gefährliches
Metier? Oder wird romantische Topos von der tödlichen Macht
der Kunst ironisch pointiert? Aufgespießt! In die Zukunft
weist, dass Partikel und Flecken jetzt zusammenwollen. Ein
gelbes Lineament vernetzt das farbig abgetönte
Fleckenmuster des Grundes und durchfließt sein körniges Geriesel.
Im Bild „Kuhnakarium“ von 1985 hat der Verband sich
vollends durchgesetzt. Er entfernt sich aus der Nähe
orientalisch anmutender Ornamente ebenso wie vom psychisch
aufladbaren Reservoir surrealistischer Symbole. Kuhna
festigt die „Surrealität“ zur „Bildrealität“ und wird so
zum Benjamin einer Ausstellung, die Jürgen Harten 1975
unter diesen Begriffen in der Kunsthalle Düsseldorf
versammelt. Er geht damit dem historischen Zusammenhang
automatischer Verfahren und bildnerischer Gesetzlichkeit nach. Für
„Kuhnakarium“ hieß das: Farben rufen Farben herbei. Blau
ein komplementäres Gelb, Rot ein dezentes Grün, das wie ein
Echo verhallt. Zur Mitte hin strömt rosa Licht zusammen,
das den Zellverband aufschmilzt.
Die
letzten zwanzig Jahre heben sich deutlich als eine gesonderte
Phase ab. Ohne Brüche oder rapide Entwicklungsschübe, aber auch ohne
Stagnation. Jedes Bild wird sich selbst zur Aufgabe, Fleck
für Fleck. Zu diesem malerischen Archetyp vor aller
Bedeutung, Komposition, Illusion kehrt Kuhna zurück. Der
Fleck, der farbige Impuls zieht sich als eigener Strang
durch die ganze Kunstgeschichte. Ein
venezianisch-koloristischer neben einem
florentinisch-linienklaren, ein barocker neben einem
klassizistischen Strang. Über den späten Tizian schreibt der
bedeutende Kunsthistoriker Theodor Hetzer er wende die Malerei „zum
kühnen Wesen des Flecks“. Wichtig ist, dass der Fleck farbig
ist. Anders bleibt seine Ruhkraft stumm. Nur die Farbe
sucht farbige Antworten; sucht Ab- und verführt zum
Delirieren, doch letztlich verweigert sich Kuhnas strikt
bildnerisches Konzept jeder Selbstentäußerung. Auch die
lebhafteste Dynamik bettet sich in harmonische
Ausgewogenheit.
Manchmal verdichtet
eine Farbe sich durch Zusammenziehung zu lesbaren Figuren.
Einem Herz in „Tristan“ oder einer sanft modellierten
Rundung in der „Woge“, hinter der, hören wir auf Kuhna, die
Anmutung eines Decolletés steht. Kuhna inspiriert sich beim
Malen auch a AsZustimmung oder Komplementären Kontrast. Kuhnas Farbe
bleibt flach ohne pastoses Profil der Pinselspur. Die
stufenweise Trocknung bewahrt allen Farben ihre ungebrochen
Leuchtkraft. Nur so wirken sie pur, unverwaschen und
unvermischt. Der Auftrag in Partikeln steigert diesen
nackten Kolorismus zu gleißender Härte oder einem sonoren
Lyrismus, immer ohne weiche Abtönung, ohne Schattenhülle
und Reflexe. Nur der helle oder dunkle Buntwert spricht.
Die Flecken können sich runden, biegen, tropfenförmig
zuspitzen oder in die Länge ziehen. Sie können Punkt,
Tupfer, Klecks, Häkchen, Splitter, Steg, Triangel sein.
Alle Formen und Verläufe kommunizieren, verflechten,
verweben sich – ohne einander zu stören oder gar zu
verwischen. Sie strömen und wuchern zusammen, überwinden
die klassische Zweiteilung von Figur und Grund und überführen sie in
eine unlösliche Textur.
Nach dem Fleck also die Textur! Wie kommt sie zustande? Eine erste
farbige Lage verlangt nach einer Reaktion. Eine zweite farbige
Lage folgt, dann eine dritte...und so fort. Jeder nächste
Schritt treibt die Verdichtung weiter. Nichts darf
verschmieren oder verfließen. Kuhna arbeitet, wie er selbst
sagt, die Leinwand „vollkommen ab“ – nicht aus einem
erstickenden horror vacui, sondern, im Gegenteil, um
Lebensraum für farbige Mikroorganismen zu schaffen. Einen wimmelnden
Verband , der wie ein intaktes biologisches System
ausbalanciert ist. Ästhetisch gesehen erscheint die
Bildfläche als ein fluktuierendes Equilibrium, in das
Strömen und Stauen, Stoßen und Stocken, Drängeln und
Driften eingeflossen sind, zentrifugale Kraftströme brechen
sich am Bildrand und laufen aus. Zentripetale Strömungen
ziehen Partikel wie Magnetfelder in ihren Sog und kreisen
um ihren Kern.
Das beginnt, groß
angelegt, 1985 mit „Moossonne“ und vervielfacht das
spiralende Kreisen 2003 im Bild “lapin agil“. Unser Auge gerät
in wirbelnde Rotationen: ein kinetisches Pulsieren, das (anders als
in der Op Art) keiner trägen Netzhaut, sondern
verschlungenen Unterströmungen im Fleckendschungel folgt.
Längeres Hinsehen soziationen, latenten Erregungen,
Stimmungen, Vorstellungen, oft erotischer, oft
landschaftlicher, oft musikalischer Art. Sie bestimmen das
farbige Klima, anatomische Annäherungen, sinnliche Kurven,
einen Hügel oder Rückenkontur. Man darf das hineinlesen. Zur
Lesbarkeit eines Vexierbildes, zur Absicht eines Motives
konkretisiert sich das jedochj nicht, aber es schwebt als kaum
sichtbare Aura in jedem Bild. Auch die Titel erinnern, poetisch
umschrieben, an den vage bleibenden Anlass.
Kuhnas Farbe! Sie baut Spannweiten auf, die überbrückt sein
wollen. Hier liegt das eigentliche ästhetische movens für
diese Malerei, die auf einer immensen Kenntnis und
Erfahrung im Umgang mit Farben beruht. Die Farbe und nur
die Farbe beherrscht seine Malerei. Um sie von
Nebenaufgaben, Licht, Schatten, Linie fraizustellen, verzichtet
er sogar auf Finessen und Subtilitäten der peinture.
Doch die Intensität direkt aus der Tube oder von der
Palette ist nur das eine. Maßgeblich wird das
Zusammenspiel: koloristische Synergieeffekte, bis hin zu
konfettiartiger Buntheit oder juwelenhafter Brillanz. Kuhna
ist ein Meister sorgsamer Nachbarschaften, Interaktionen
und Resonanzen. Jede Farbe führt, wie Ursula Mildner
schreibt, einen Diskurs mit sich selbst. Gewiss wendet
Kuhna das nicht analytisch an , doch der Farbsystematiker
Albers steht näher als der Augenschein glauben macht. Dabei ist
keine Farbe geringer als die andere. „Schlechte“ Farben kennt Kuhna
nicht. „Orange“ wertet im Zusammenklang einen beigen
Grundton zu kostbarem Brokat auf. „Weekend“ vitalisiert ein
feierlich müdes Rotblau durch kleinteilig eingesprengtes
Gelb und bringt es zum Funkeln. Neuerdings erkundet Kuhna
Möglichkeiten nahe beim Weiß. Wieviel Farbe erträgt Weiß,
um dennoch nicht bunt zu erscheinen? Wieviel Weiß darf
sein, damit die Farben nicht ausgelöscht werden? Ein
ähnliches Problem trieb den Impressionisten Sisley um, als er im
Schneekristall die Spektralfarben entdeckte. Bei Kuhna hat die
Recherche allerdings keinen physikalischen Hintergrund. Er
kennt die verschiedenen Farbtheorien und –lehren, setzt sie
aber nicht um. Höchstens, dass er sie praktiziert. Er
bleibt bei seiner Motivation des Assoziierens und
Erinnerns. Ein Weiß dominiertes Bild heißt „Blanchisserie“,
ein anderes, das er mit einem Decolleté verbindet, „Woge“.
Gleichzeitig setzen die Farben wechselnde Tempi in Gang.
Orange, Karminrot, Violett changieren in kurzen Sprüngen
und binden die Farbbewegung an kurze Takte. Komplementäres
Rot und Grün erzeugen einen gemessenen, stabilen Akkord.
Auch Thermik und Gravitation spielen herein. Vorherrschende
Rotpartikel heizen auf. Sie beschweren warm absinkende
Zonen. Blaupartikel kühlen ab und steigen hoch. Warme und
kalte Farben strecken zusammen eine flache Raumbühne für
die stereoskopisch flirrende Choreografie der Flecken ab. Ein
sich Reiben, Entzünden, Pulsieren bis in die Ecken! Es wäre ein
Thema für sich, die Wechselwirkung von Farbbewegung und
Fleckenrhythmus, Farbklima und Farbraum zu beschreiben.
Etwas Eigenartiges geschieht. Obgleich diese jüngeren
Bilder ohne alle Zeichen und Symbole sind, obgleich alles
Psychografische in der Bildstruktur aufgeht, strahlt jede
Leinwand ihre eigene Stimmung aus: grelle Aktion, florale
Pracht, melancholische Dämmerung. Denn Kuhnas recherche des
coleurs bringt gerade keine Farbexerzitien hervor. Sie ist
erlebnisgesättigt, subjektiv, ja expressiv, wenn wir
darunter darunter keine ausfahrende Gestik verstehen, sonder die
leidenschaftliche, manische Aktivierung der Farbe auf ihrem
kleinsten Nenner: dem Fleck. Gewiss wäre es viel zu flach, in dem
Gewimmel auch Spermatreiben zu notieren, doch bedarf es
keiner großen Freudschen Verrenkungen, um die heimliche
Lust, die nicht nur eine Lust des Malens ist, zu spüren.
Die offenkundige Sinnlichkeit älterer Bilder hat keineswegs
abgedankt. Sie kehrt nur ins Plasma der malerischen
Urzeugung aus dem farbigen Fleck zurück.
Manfred Schneckenburger
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